Stadtkirche feiert Georgstag – Festrednerin ist die NRW-Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann

Am Donnerstag, den 23. April, lud die Stadtkirche zum diesjährigen Georgstag ein. Erstmals fand die Veranstaltung in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen statt – ein besonderer Ort, der dem Abend eine eigene Prägung verlieh.

Stadtdechant Markus Pottbäcker begrüßte die Gäste herzlich und wandte sich dabei besonders an die Gastgeber: die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Slava Pasku, und den Geschäftsführer Igor Kuznecov. Er zeigte sich dankbar, an diesem Ort zu Gast sein zu dürfen, und würdigte die Feier als ein sichtbares Zeichen der christlich-jüdischen Verbundenheit. Ein besonderer Gruß galt der NRW-Antisemitismusbeauftragten Sylvia Löhrmann, der er für ihr Kommen und ihre Bereitschaft zum Vortrag herzlich dankte. Auch Frau Pasku hieß die Anwesenden willkommen und öffnete damit im wahrsten Sinne die Türen der Synagoge für die Begegnung.

Nach kurzen Grußworten von Bürgermeister Manfred Leichtweis und Bezirksbürgermeisterin Marion Thielert sprach Sylvia Löhrmann zu den Gästen. Sie stellte ihren Vortrag unter ein Wort des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Von hier aus spannte sie den Bogen zu unserer Gegenwart und machte deutlich, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind. Es ist ein fortwährender Prozess, sie zu verteidigen und immer wieder neu mit Leben zu füllen.

Antisemitismus, so Löhrmann, stehe im klaren Widerspruch zu diesen Grundwerten. Die zunehmenden antisemitischen Vorfälle seien ein Krisensymptom für den Zustand unserer Demokratie. Dabei erinnerte sie auch an die historische Verantwortung der Kirche: Gerade im Zusammenhang mit der Pest und der sogenannten „Brunnenvergifter“-Theorie im Mittelalter habe es eine Mitwirkung an der Verbreitung antisemitischer Bilder gegeben. Daraus erwachse bis heute die Aufgabe, sich dieser Geschichte zu stellen und sie aufzuarbeiten. Umso bedeutungsvoller sei es, dass Begegnungen wie an diesem Abend möglich sind und die christlich-jüdischen Beziehungen vor Ort lebendig gestaltet werden.

Immer wieder wurde in ihrem Vortrag deutlich: Antijudaismus ist kein Problem der Jüdinnen und Juden, sondern ein Problem in der und für die gesamte Gesellschaft. Unsere freiheitlich-demokratischen Werte müssen sich daran messen lassen, ob sie wirklich für alle gelten.

Ein besonderes Augenmerk legte sie auf den Bildungsbereich. Die Zahl antisemitischer Vorfälle, etwa an Schulen, nehme zu. Eindrücklich machte sie deutlich, dass hinter jeder einzelnen Fallzahl antisemitischer Vorfälle ein Mensch – oft auch sehr junge Menschen – stehen, deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben so gefährdet werde. Deshalb sei auch die Schulung und Weiterbildung von Lehrkräften essenziell, um antisemitische Situationen erkennen und angemessen darauf reagieren zu können. Zugleich seien Schulen und andere Bildungseinrichtungen Orte, an denen historische Verantwortung gelernt und kritische Reflexion eingeübt, aber auch Begegnung ermöglicht werden kann – ganz im Sinne des eingangs zitierten Gedankens von Martin Buber.

Zum Abschluss ermutigte sie dazu, das Judentum nicht nur aus der Perspektive von Verfolgung und Leid wahrzunehmen. Jüdisches Leben bereichere unsere Gesellschaft in seiner kulturellen Vielfalt. Diese sichtbar zu machen, sei eine Aufgabe, die nicht auf wenige Gedenktage beschränkt bleiben dürfe, sondern das ganze Jahr über Raum brauche.

Im Anschluss an den Vortrag waren alle eingeladen, bei Fingerfood und koscherem Wein miteinander ins Gespräch zu kommen. Die offene Atmosphäre zeigte: Begegnung gelingt dort, wo Menschen einander zuhören und miteinander ins Gespräch kommen.

Text und Fotos: J.L. Gutmann